Mut zum eigenen Text

Ja richtig, sind wir doch ehrlich, es ist doch schon alles gesagt worden. Wieso sich noch die Mühe machen eigene Texte zu entwerfen?

Goethe, Schiller, wer noch will auch Brecht haben doch ihr Scherflein beigetragen zur Kunst, zudem verkaufen sich die alten Herren doch passabel. Was soll`s?

Und doch, Ernst Bloch hat es auf den Punkt gebracht, als er einmal schrieb: “Das einmal gesagte in einer anderen Zeit ist wohl nicht das Gleiche.“

Zwar können wir als Buchkünstler uns im sicheren Fahrwasser des althergebrachten ausruhen und auf das allseits Bewährte zurückgreifen.

Doch um ein vielfaches spannender ist es doch, sich auf eine Arbeit aus einer Hand, aus einem Guss einzulassen. Jeder Mensch hat Gefühle, jeder lebt sein Leben, Grund genug sein Leben in eigenen Texten zu reflektieren. Ein Spannungsfeld von außerordentlichen Möglichkeiten breitet sich hier aus. Hier ist Entwicklung und Wachstum in jeder Hinsicht möglich.

Liebe, Leid, Sehnsucht und Leidenschaft, wie unterschiedlich in der Wahrnehmung, wie weitläufig, wie einzigartig im Besonderen. Welch eine künstlerische Weite tut sich hier auf, welch schöpferische Kraft kann hier wirken, sich entfalten. Von der Gestaltung des Textes und der Ausarbeitung des buchkünstlerischen Werkes bis hin zum Leser entwickelt sich ein Beziehungsgeflecht.

Buchkunst könnte durch diese Idee, eigene Texte zu verlegen, eine völlig neue Entwicklung gehen, die die Selbständigkeit und Akzeptanz dieser Kunstform unterstreichen würde.

Gönnen wir uns, dem Künstler wie dem Sammler, doch diese künstlerische Freiheit eigene Texte nach unserem Gusto zu veröffentlichen und so die Chance zum Gesamtkunstwerk in Form der Einheit von Text und Bild zu nutzen.

Die künstlerische Freiheit muss das Denken überwinden. Das von Innen kommende ES muss nach außen gelangen in Text, Schrift, Bild, Wort oder Gesang. Buchkunst ist wesentlich umfassender als gemeinhin angenommen wird. Wir verlassen bewusst den sicheren Boden des Althergebrachten, wagen damit die Reise zu neuen Ufern und überschreiten damit Grenzen. Dieses Einlassen auf das Neue, dieses loslassen vom Alten, ermöglicht es uns neue unbekannte Bereiche in uns und unserer Gesellschaft zu betreten.

Wirkliche künstlerische Entwicklung findet dort statt, wo wir uns von der Vergangenheit lösen oder sie zu mindestens kritisch zu überdenken. Welche Vielfalt könnten wir erreichen, wenn wir uns unserem Unbewussten öffnen würden. Das uns Unbekannte würde sich uns zeigen. Haben sie Mut, dieses künstlerische Denken zu durchbrechen:

„Ich bin Maler, also male ich;

ich bin Schriftsteller also schreibe ich;

ich bin Musiker also musiziere ich;

ich bin Komponist, also komponiere ich;

ich bin Tänzer, also tanze ich.“

Etwas dazwischen wäre nicht perfekt. Kunst liegt aber jenseits aller Perfektion, Kunst ist der allumfassende schöpferische Akt, ohne Spezialisierung auf einem Gebiet. Wagen sie doch gänzlich neue Erfahrungen, es ist überaus spannend, dazu lade ich sie ein.

Wenn wir als Künstler den ersten Schritt wagen, wird der Sammler unser künstlerisches Engagement, da bin ich mir sicher, auch honorieren.

Buchkunst ist spannend!

Gerd J. Wunderer